Diese Woche: Proteste in Istanbul – Freie Lehre in Gefahr? // Agrarreformen in Indien – Millionen Landwirt*innen protestieren // Flexible Arbeit – Kein Traum für jede*n

 

Proteste in Istanbul – Freie Lehre in Gefahr? 🇹🇷🎓

Freie Lehre und Wissenschaft ohne politischen Einfluss – was in einer Demokratie eigentlich selbstverständlich sein sollte, wird in der Türkei gerade in Frage gestellt. ⁉️

Präsident Erdogan hat an der Bogazici-Universität in Istanbul eigenmächtig einen neuen Direktor eingesetzt. Damit werde die Autonomie der Universität sowie die Tradition, wichtige Posten mit gewählten Vertreter*innen zu besetzen, verletzt – so lautet der Vorwurf der Studierenden. Der neue Direktor Melih Bulu gilt als AKP-nahe und Freund von Erdogan. 🇹🇷

Das Problem: Seit Inkrafttreten des Präsidialsystems im Sommer 2018 ist der Präsident zu der Besetzung solcher Posten berechtigt. Nach türkischem Recht handelt er somit rechtskonform.

Nichtsdestotrotz löste die Benennung Massenproteste aus. Es kommt zu Ausschreitungen und Gewalt gegen die Demonstrant*innen. 👮💥

Über 500 Protestierende wurden festgenommen. Auch die Lehrkräfte verurteilen die Gewalt, viele stehen bei den Protesten auf Seiten der Studierenden, genauso wie andere Universitäten und die parlamentarische Opposition. Die USA, die EU und die Vereinten Nationen kritisieren das Vorgehen der Polizei und die unverhältnismäßige Gewalt. Diese rechtfertigt ihr Verhalten jedoch damit, dass terroristische Vereinigungen die Proteste unterwandert hätten und „notwendige und verhältnismäßige Maßnahmen“ ergriffen werden müssten, um illegales Verhalten zu unterbinden.

Zum Weiterlesen…

📰 Studierendenproteste Istanbul – Tagesspiegel

📰 Weitere Infos – Frankfurter Rundschau

🎧 Beitrag vom Deutschlandfunk

 

Agrarreformen in Indien – Millionen Landwirt*innen protestieren🌽✊💶

Seit Monaten sind in Indien Millionen von Landwirt*innen auf der Straße, um gegen geplante Agrarreformen zu protestieren. Sie befürchten, dass diese große Konzerne bevorteilen und ihre Lebensgrundlagen bedrohen. 

Die Protestierenden campieren in den Außenbezirken Neu Delhis und erfahren dabei extreme polizeiliche Repressionen. Immer wieder werden Wasser-, Strom- und Internetversorgung abgeschnitten, die Polizeikräfte gehen gewaltvoll vor.👮‍♂️

Indische Landwirt*innen, die einen Großteil der Bevölkerung ausmachen, verkaufen aktuell ihre Produkte zu einem gesetzlich festgelegten Mindestpreis an die Regierung. Die Reformen sehen nun eine Deregulierung des Handels vor, sodass Landwirt*innen direkt an Unternehmen verkaufen können. 💶

Premierminister Narendra Modi verkauft dies als zusätzliche Freiheit für die Landwirt*innen, die zukünftig selbst über die Produktpreise bestimmen könnten. Allerdings ist anzunehmen, dass die Reformen in der Umsetzung zur Abschaffung oder Schwächung der regulierten Märkte („mandis“) führen würden.  Dadurch wären die Landwirt*innen zum Handel mit Konzernen gezwungen. Die Landwirt*innen stünden dabei ohne Verhandlungsmacht da, denn sie sind vom Verkauf ihrer Produkte abhängig. Ausbeutung durch die Unternehmen und, in der Folge, Arbeitslosigkeit, Schulden und Landbesitz-Verlust wären vorprogrammiert.😓

Die Protestierenden fordern unter anderem die Rücknahme der Gesetze, höhere Produktpreise und finanzielle Unterstützung. Die Proteste stellen außerdem ein Aufbegehren gegen die Politik der Regierung des Modi und die grundsätzliche Behandlung der Landwirt*innen dar. Bis dato fanden neun Verhandlungsrunden statt,  alle blieben ergebnislos.

Zum Weiterlesen…

📰 Aktuelles und Überblick – Frankfurter Rundschau

📰 Protestverlauf und Hintergründe – The Guardian

🌐 Mehr zur Position der Landwirt*innen – the slacktivists

 

Flexible Arbeit – Kein Traum für jede*n 👩‍💻🏠📈

Die Dienstleistungsgewerkschaft ver.di veröffentlichte vor wenigen Tagen eine Studie, die sich flexibilisierten Arbeitsformen widmet und einen Einspruch gegen die fortschreitende Flexibilisierung der Arbeitswelt einlegt. Das Ergebnis unterstreicht die Gefahr, die durch die Corona-bedingte Verlagerung ins Homeoffice besteht. 🏠

Mit dem DGB-Index “Gute Arbeit 2019” betrachten die Autor*innen der Studie vor allem die Arbeitsqualität und gelangen zu dem Schluss, dass Leistungsbemessung heute ein Garant für Mehrarbeit und mentale Belastung ist.📈

Mit Leistungsbemessung ist gemeint, dass Vorgesetzte keine Ziele formulieren, sondern Wünsche und Anforderungen von Klient*innen, Patient*innen und Kund*innen zusammenfassen und nur das Geleistete bewertet wird. Durch Externalisierung der Leistungssteuerung wird die Arbeitsintensität beeinflusst. Heißt: Wenn Kund*innen, Patient*innen oder Klient*innen mehr Leistung einfordern, wird zwangsläufig Mehrarbeit geleistet. Oder: Wenn in Pflegeeinrichtungen eine Person ausfällt, fragt nicht der*die Vorgesetzte, sondern ein Teammitglied, was emotionalen Druck aufbaut und meist dazu führt, dass Schichten übernommen werden, die man eigentlich nicht übernehmen kann. Unter den Folgen leiden vor allem Branchen, die die Digitalisierung der Arbeit vorantreiben, denn die Privat- und die Arbeitssphäre kollidieren immer mehr.

Statt Entspannung und freier Arbeitsverhältnisse wird durch die Flexibilisierung nicht den Arbeitenden geholfen, sondern vor allem dem Kapital. Arbeiter*innen stehen unter emotionalen Druck durch externalisierte Leistungsbemessungen. Wir müssen das Recht auf Privatheit stärken. Heißt: strikte Trennung der privaten und der lohnarbeitenden Sphäre. Arbeiter*innen dürfen durch externalisierte Leistungsbemessung nicht weiter unter Druck geraten.

Dass diese Erkenntnisse bereits für 2019 gelten, ist ein Indiz dafür, dass die Flexibilisierung durch Corona, eben das Homeoffice, keine heilsbringende Vereinbarung zwischen Arbeit und Privatleben ist, sondern eine Gefahr der Ökonomisierung des Privaten darstellt.

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📰 Ausgebeutet und überlastet – junge welt 

📊 Studie „Leistungssteuerung und Arbeitsintensität“ – ver.di