Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) geht für Deutschland von einer Million betroffener Mädchen und Jungen aus, die sexuelle Gewalt erlebt haben oder erleben [1]. Das sind pro Schulklasse ein bis zwei Kinder, wobei deutlich mehr Mädchen als Jungen betroffen sind. Betrachtet man die Zahlen für Frauen* ab dem 16. Lebensjahr, die körperliche und/oder sexuelle Gewalt erlebt haben, so ist „jede siebte Frau in Deutschland“ von „strafrechtlich relevanter“ sexueller Gewalt betroffen – darunter fallen u.a. Vergewaltigung, versuchte Vergewaltigung und sexuelle Nötigung [2]. Nur 9% der Betroffenen von „strafrechtlich relevanten“ Gewalttaten haben eine Anzeige erstattet, allerdings werden nur 2% der Täter verurteilt.

Um den Betroffenen eine Anzeige zu erleichtern und sie in ihren Rechten zu stärken, fordert die GRÜNE JUGEND Niedersachsen die Niedersächsische Landesregierung dazu auf, folgende Punkte umzusetzen:

 

  • flächendeckende Einführung des „Braunschweiger Modell“, d.h. dass eine Vernehmung durch eine Richter*in vor der mündlichen Hauptverhandlung möglich ist. [3]
  • Betroffene darüber aufklären, welche Optionen sie haben. So muss die Möglichkeit einer Beweissicherung ohne Ermittlungsverfahren durch „Pro Beweis“ flächendeckend gegeben sein. [4]

 

Betroffenen wird sowohl im privaten Umfeld als auch von Behörden oft nicht geglaubt. Umso wichtiger ist es, den Betroffenen von sexualisierter Gewalt Gehör zu verschaffen. Es sind nicht die Betroffenen, die Schuld sind, sondern diejenigen, die Gewalt ausüben!

 

Dazu kommt, dass laut Statistiken die Täter bei sexualisierter Gewalt gegen Frauen* und Kindern eher selten unbekannte Personen sind. Ein Viertel sind Familienangehörige und etwa die Hälfte stammt aus dem privaten sozialen Umfeld. Dabei kann die ausgeübte Gewalt verschiedene Formen annehmen, so kann theoretisch zwischen sexueller, physischer oder psychischer Gewalt unterschieden werden, wobei sich diese Formen oft nicht klar von einander trennen lassen. Die GRÜNE JUGEND Niedersachsen fordert, dass alle Betroffenen überall erstgenommen werden, ob im privatem Umfeld oder bei Behörden.

 

Nicht nur Frauen* und Kinder sind von spezifischen Formen sexualisierter Gewalt betroffen, sondern neben Männern besonders Personen, die sich von der gesellschaftlichen „Norm“ unterscheiden, dazu gehören z.B. Queer-, Inter*- oder Trans*- Personen, von Rassismus betroffene Personen und Menschen, die von der Gesellschaft be_hindert werden. Unterstützungsangebote müssen deshalb ausgeweitet und den spezifischen Belangen und Situationen von Betroffenen angepasst werden. Die Botschaft an alle Betroffenen sexualisierter Gewalt lautet: Ihr seid nicht allein!

 

Ausbau von Bildungsangeboten und Weiterbildungen zum Thema sexualisierte Gewalt

Nur durch den Ausbau von Bildungsangeboten und Weiterbildungen zum Thema sexualisierte Gewalt kann Gewalt vorgebeugt und patriarchale Strukturen aufgebrochen werden. Dies stellt eine Schlüsselrolle bei der Schaffung von hierarchiefreien Geschlechterverhältnissen und dem Kampf gegen sexualisierte Gewalt dar.

 

Die GRÜNE JUGEND Niedersachsen fordert deswegen:

 

  • mehr professionelle Schulungen zu sexualisierter Gewalt für alle Personen, die im sozialen Bereich arbeiten, beispielsweise Lehrer*innen, Erzieher*innen oder Sozialarbeiter*innen. Daneben müssen aber auch andere Berufsgruppen sensibilisiert werden.
  • mehr Präventions- und Sensibilisierungsmaßnahmen ab dem Kleinkindalter zum Thema sexualisierter Gewalt. Dabei geht es darum Kinder zu stärken, sie für Grenzen zu sensibilisieren und ihren Wortschatz zum Thema zu vergrößern und ihnen das Prinzip des Konsens näher zu bringen. Nur so können sie sich gegenüber Erwachsenen verständlich machen.
  • weitere professionelle Bildungsarbeit zum Thema Geschlechterverhältnisse u.a. in Schulen, Vereinen, sozialen Einrichtungen für Kinder und Jugendliche.

 

Finanzierung und Ausbau des Unterstützungssystems

In jedem Fall ist eine professionelle Beratung für Betroffene sehr wichtig, um Schutz und Kraft zu bieten. Deswegen fordert die GJN:

 

  • gesicherte Finanzierung des Frauen*Notrufs, damit dieser nicht weiterhin von zusätzlichen Mitteln abhängig ist.
  • Ausbau von psychosozialen Beratungsstellen für Betroffene von sexualisierter oder häuslicher Gewalt
  • Umfassende und verbindliche Finanzierung von Psycho- und Traumatherapien und allem, was für die Betroffenenen zur Aufarbeitung von sexuellen Übergriffen und Gewalterfahrungen notwendig ist. Die GRÜNE JUGEND Niedersachsen begrüßt Inititativen wie den „Fonds sexueller Missbrauch“ vom Bund und fordert einen Ausbau und eine Beibehaltung dieser Institution sowie eine Beteligung des Landes Niedersachsen.[5]

 

Außerdem setzt sich die GRÜNE JUGEND Niedersachsen für die Einführung eines einheitlichen SMS-Notrufs und einer Notruf-App ein, denn diese können gerade für Gehörlose und andere Menschen mit Hörbeeinträchtigung lebensrettend sein. Die Einrichtung muss so schnell wie möglich umgesetzt werden.

 

Finanzielle Unterstützung und barrierefreie Ausgestaltung von Frauen*häusern

Wichtige Ansprechpartner für Betroffene stellen Frauen*häuser da. Frauen*häuser sind die wichtigste Institution zum Schutz von Frauen*, die Gewalt erfahren haben, und ihren Kindern. Seit ihrer Gründung vor ca. 40 Jahren fehlt aber eine verbindliche und gesetzlich geregelte Finanzierung, die nicht von politischem Willen und Willkür abhängig ist. Durch die in den meisten Bundesländern herrschende Praxis der sog. Tagessatzfinanzierung wird zudem vielen Gruppen von Frauen* (z.B. Migrant*innen mit prekärem Aufenthaltsstatus, Geflüchtete*, Student*innen, Auszubildende, Frauen* ohne Sozialleistungsanspruch) der Zugang zum Frauen*haus finanziell unmöglich gemacht. Die GRÜNE JUGEND Niedersachsen unterstützt daher die Forderungen des bundesweiten Zusammenschlusses der Autonomen Frauen*häuser [6]:

 

  • für alle gewaltbetroffenen Frauen* und ihre Kinder einen schnellen und unbürokratischen Zugang zu Schutz und Unterstützung im Frauen*haus zu gewährleisten.

 

Zudem fordert die GJN die Schaffung weiterer Sozialarbeiter*innenstellen in Frauen*häusern, die sich vor allem um die Kinder der Betroffenen kümmern, da diese immer mitbetroffen sind, auch wenn sie die Gewalt nicht selbst erleben. Desweitern müssen insgesamt mehr finanzielle Mittel für Schutzeinrichtungen und Beratungsstellen bereitgestellt werden. Frauen*häuser dürfen nicht mehr um ihre Existenz bangen müssen, sondern sie müssen im Gegenteil die finanziellen Mittel bekommen, um barrierefrei gestaltet werden zu können, da viele Frauen* mit Behinderung von Gewalt betroffen sind und bis jetzt oft keinen Zugang zu diesen Schutzräumen haben.

 

Präventionskampagne wie „Luisa ist hier!“ unterstützen

Die GRÜNE JUGEND Niedersachsen begrüßt Projekte wie in die Präventionskampagne „Luisa ist hier!“ in Münster [7]. Mit Plakaten werden Frauen* drauf hingewiesen, dass sie sich mit der Frage „Ist Luisa hier?“ an das Kneipenprersonal wenden können, wenn sie sich in Kneipen oder Gaststätten bedroht oder belästigt fühlen. Für eine landesweite Umsetzung dieser Kampagne setzt sich die GJN ein.

 

Um mit der Kampagne „Luisa ist hier!“, die sich als Präventions- und Schutzangebot an Opfer wendet, nicht nur Frauen* sondern alle Geschlechter in die Verantwortung zu nehmen und eine (Selbst-)Reflexion anzustoßen, setzt sich die GJN gleichzeitig für Kampagnen wie „GRENZEN ACHTEN“ des Frauennotrufs Worms ein. Diese will einen Perspektivwechsel anstoßen und Männer sowie dem sozialen Umfeld aufzeigen, was sie gegen sexualisierte Anmache tun können. Der respektvolle Umgang und ein Alltag ohne Grenzverletzungen sind Aufgabe aller!

 


[4] Netzwerk „Pro Beweis“ http://www.probeweis.de/

[6] Kampagne der Autonomen Frauenhäuser: http://autonome-frauenhaeuser-
zif.de/de/content/Kampagnen

[7] Präventionskampagne „Luisa ist hier!“ http://luisa-ist-hier.de