Die Vereinten Nationen haben 2015 zum Internationalen Jahr des Bodens erklärt, um ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass Boden mehr ist als der Grund unter unseren Füßen. Ein ökologisch intakter Boden ist Grundlage unserer Ernährung und unverzichtbare Bedingung für sauberes Trinkwasser.

Diese Tatsache scheint in der Realität noch nicht besonders wahrgenommen zu werden und ist in den Köpfen der meisten Politiker*innen weltweit, in Europa und lokal noch nicht angekommen: Weltweit steigen die Absatzzahlen für Herbizide, zynischerweise „Pflanzenschutzmittel“ genannt, ins unermessliche. Grade in Ländern in denen nicht nur die Wirkstoffe, sondern auch gentechnisch veränderte Pflanzen zugelassen sind, werden Pflanzenschutzmittel jedes Jahr mehr verkauft. Die Pflanzen werden dort gentechnisch so verändert, dass sie gegen bestimmte Wirkstoffe resistent sind. Für die Landwirt*innen wird es damit möglich ihre Äcker auch während des Wachstums der Erntepflanzen gegen Unkräuter zu behandeln. Unkräuter bilden mit der Zeit jedoch Resistenzen gegen die ausgebrachten Wirkstoffe. Die Konsequenz daraus ist, dass mehr Mittel ausgebracht werden, um die Unkräuter wieder bekämpfen zu können. Das gentechnisch veränderte Saatgut wird häufig von denselben Hersteller*innen verkauft, wie das Mittel mit den zu den Pflanzen passenden Wirkstoffen. Die Menschen kommen dadurch in eine Abhängigkeit, der sie nur schwer bis gar nicht entfliehen können.

Das Meistverkaufte Herbizid weltweit ist Glyphosat. Die Debatte um diesen Wirkstoff erhielt neue Energie als die WHO (Weltgesundheitsorganisation) Anfang des Jahres Glyphosat als “wahrscheinlich Krebserregend“ einstufte. Diese Analyse steht im krassen Widerspruch zur Einschätzung des im Zulassungsverfahren als Berichterstatter fungierenden Bundesamts für Risikobewertung (BfR). Diese hatte Glyphosat als gesundheitlich unbedenklich eingeschätzt und der Europäischen Zulassungsbehörde (Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit) (EFSA) empfohlen die Zulassung in der EU um 10 Jahre zu verlängern. Das BfR steht spätestens seither in der Kritik zu enge Kontakte zu den Hersteller*innen der Wirkstoffe zu pflegen und systematisch Studien zu vernachlässigen, die auf die Gesundheitsgefahren der Wirkstoffe hinweisen.

Eigentlich sollte die Zulassung für den Wirkstoff zum 1.1.2016 auslaufen. Um die Berichte der WHO in die neuerliche Bewertung miteinfließen zu lassen, wurde die Zulassung um ein halbes Jahr bis Juni 2016 verlängert. Diese weitere Erlaubnis Glyphosat auszubringen ist angesichts der WHO-Bewertung unverantwortlich und entspricht nicht dem Vorsorgeprinzip.

Dass eine Beschäftigung mit dem Wirkstoff auch in Europa und speziell in Niedersachsen, wo verhältnismäßig hohe Einschränkungen die Ausbringung von Pflanzenschutzmitteln regeln, nötig ist, zeigen aktuelle Untersuchungen von Grundwasser- und Gesundheitswerten.

Vor kurzem wurden die Messwerte zu Pflanzenschutzmitteln sämtlicher Grundwassermesstellen in Niedersachsen ausgewertet. In der Hälfte aller Messtellen wurden Bestandteile von Pflanzenschutzmitteln festgestellt. Es wurden nicht nur Wirkstoffe ermittelt, die heute noch angewandt werden, sondern auch Mittel, die schon seit Jahrzehnten nicht mehr ausgebracht werden dürfen, da im Nachhinein ihre gesundheitliche Unbedenklichkeit in Frage gestellt wurde. Dies zeigt sehr deutlich, dass eine viel umfassendere Vorsorge nötig ist. Was einmal im Boden ist kann nicht wieder herausgeholt werden. Glyphosat ist da nur das drängendste Beispiel. Die Verkaufszahlen in Deutschland steigen wegen Bildung von Resistenzen in den letzten Jahren immer weiter an.

Die GRÜNE JUGEND Niedersachsen fordert die Zulassung von Glyphosat nicht zu verlängern (auch kein weiteres halbes Jahr!) und ein sofortiges Anwendungsmoratorium zu verhängen.

Für den Privatgebrauch werden Produkte mit Glyphosat als sogenanntes „Roundup“ verkauft. Diese werden von den Verbraucher*innen auf Gehwegen und Gärten oft völlig ohne Schutzkleidung, in übertriebenen Mengen und ohne Kenntnis der Risiken für Mensch und Umwelt eingesetzt. Der Verkauf von „Roundup“ und anderen glyphosathaltigen Produkten in Baumärkten und ähnlichen Geschäften gehört sofort gestoppt.

Die GRÜNE JUGEND Niedersachsen fordert weiterhin:

  • Das Vorsorgeprinzip muss bei der Anwendung von Pflanzenschutzmitteln endlich konsequent angewandt werden. Wirkstoffe, die im Verdacht stehen gesundheitsschädlich zu sein muss, die Zulassung untersagt bleiben solange ihre Unschädlichkeit nicht nachgewiesen ist.
  • Die GJN begrüßt den Beschluss der Umweltministerkonferenz von Mai 2015 Das „Totspritzen“ zur Beschleunigung der Erntereife von Getreide mit Glyphosat nicht mehr zuzulassen.
  • Die Zulassungsverfahren müssen Gefahren für Gesundheit und Umwelt noch genauer berücksichtigen, bevor eine Zulassung erfolgt. Kriterien wie unkontrollierbare Verbreitung der Wirkstoffe müssen stärker Beachtung finden.
  • Die Zulassungsbehörden der EU (z. B.: EFSA) und der Nationalstaaten (z. B.: BfR) müssen ihre Nähe zu Hersteller*innen aufgeben und unabhängigen Studien mehr Beachtung schenken.
  • Keine Zulassung für gentechnisch verändertes Saatgut! Keine Zulassung von Saatgut, das durch konventionelle Züchtung gegen Pflanzenschutzmittelwirkstoffe resistent ist.
  • Die Niedersächsische Landesregierung muss weitere Maßnahmen ergreifen um einen Eintrag von Pflanzenschutzmitteln in das Grundwasser zu verhindern.
  • Die Landesregierung muss umfassende und kontinuierliche Untersuchungen des Grundwassers und Werte von Pflanzenschutzmitteln im Körper von Menschen weiterbetreiben und neu beginnen. Das kann helfen die Verbreitung von Pflanzenschutzmitteln besser zu verstehen und ihr Gesundheits- und Umweltrisiko besser einschätzen zu können.
  • In den Lehrplänen von landwirtschaftlichen Ausbildungsberufen müssen die Gefahren der Ausbringung stärker vermittelt werden. Nachhaltige Landwirtschaft muss das Ziel einer solchen Ausbildung sein.

Die GRÜNE JUGEND Niedersachsen wünscht sich eine Landwirtschaft, bei der es darum geht auf ökologischer und nachhaltiger Basis Lebensmittel herzustellen. Eine Landwirtschaft der Gegenwart sollte die Grundbedingung für zukünftige Generationen Lebensmittel herzustellen erhalten und nicht weiter zerstören. Profitinteressen von internationalen Konzernen haben in der Landwirtschaft nichts verloren.

Deshalb fordert die GJN den Weg in Richtung einer Wirtschaftsweise einzuschlagen, die Boden, Biodiversität und bäuerliches Wirtschaften in Zukunft nicht gefährden. So wie heute in Niedersachsen, Europa und der Welt mit den natürlichen Lebensbedingungen zukünftiger Generationen umgegangen wird, entspricht in keinster Weise diesen Vorsätzen. Ein verminderter Einsatz von chemischen Pflanzenschutzmitteln ist ein erster Schritt einen besseren Weg einzuschlagen. Glyphosat sollte erst der Anfang sein.