Seit 2001 versuchen Nazis rund um den 16. Januar einen geschichtsrevisionistischen Aufmarsch in Magdeburg durchzuführen.

2015 jährt sich die Bombardierung des für das NS-Regime wichtigen Rüstungsstandortes Magdeburg durch alliierte Luftstreitkräfte zum 70. Mal. Diese nehmen die Nazis jedes Jahr zum Anlass für den Versuch, eine Täter*innen-Opfer-Umkehr durchzuführen. In den letzten Jahren kamen regelmäßig mehr als 1000 Nazis aus Magdeburg und dem ganzen Bundesgebiet zusammen und es ist damit zu rechnen, dass sie für diesen „runden Geburtstag” verstärkt mobilisieren werden. Der Naziaufmarsch in Magdeburg ist, insbesondere nach dem Verlust des regelmäßigen Aufmarsches in Dresden durch erfolgreichen antifaschistischen Protest, vermutlich der wichtigste Naziaufmarsch bundesweit.

Nachdem 2005 erst- und bis dato letztmalig der Naziaufmarsch blockiert und verhindert werden konnte, gründete sich 2012 das am erfolgreichen Vorbild „Dresden Nazifrei” orientierte spektrenübergreifende Blockade-Bündnis „Magdeburg Nazifrei”. 2014 konnte durch das Zusammenspiel von Menschenblockaden des massenhaften zivilen Ungehorsams und direkten Aktionen der Aufmarsch um mehrere Stunden verzögert und schlussendlich gespalten werden. Wie im Jahr davor ermöglichte die Polizei den Neonazis aber eine Alternativroute am anderen Ende der Stadt und sorgte sich auch um den Transport der Rechten. Auch die topographische Gestaltung Magdeburgs macht Blockaden nicht gerade leichter durchführbar. Die GJN unterstützt daher den Aufruf des Bündnisses „Magdeburg Nazifrei” und mobilisiert über all ihre Kanäle, um den letzten großen geschichtsrevisionistischen Aufmarsch gemeinsam mit massenhaften Blockaden zu verhindern.

Aber nicht nur den Naziaufmarsch lehnt die GJN ab. Auch das von offizieller Seite angeleitete und kollektiv zelebrierte einseitige und entkontextualisierte Gedenken an die Bombardierung Magdeburgs kritisieren wir. Dieses blendet den Kontext des alliierten Angriffes, also Magdeburgs Relevanz als Ort der Rüstungsproduktion im Besonderen und den deutschen Angriffskrieg, die Shoah, den Nationalsozialismus im Allgemeinen, weitgehend aus. Damit wird der Rahmen für das Neonazispektakel bereits abgesteckt. Dieses stellt keinen etwaigen „Missbrauch” des Gedenkens an deutsche Opfer dar, sondern ist „nur” eine voraussehbare Zuspitzung des auch von offizieller Seite reproduzierten deutschen Opfermythos. Die GJN stellt sich nicht nur dem geschichtsrevisionistischen Naziaufmarsch in den Weg, sondern jeder Form der Geschichtsklitterung!

Aufruf: Magdeburg Nazifrei!

The same procedure as every year: jedes Jahr im Januar treten über Tausend Nazis den Weg nach Magdeburg an, um gemeinsam mit ihren ortsansässigen Kameraden anlässlich der Bombardierung Magdeburgs am 16.01.1945 zu marschieren. Dabei wird bewusst geleugnet, was hinlänglich bekannt ist: erst die Bombardierung deutscher Rüstungsbetriebe im Januar ’45 führte zum endgültigen Produktionsstopp an Kriegswaffen. Magdeburg war für die Hitlerdiktatur einer der wichtigsten Rüstungsstandorte. Die Bombardierung kriegswichtiger Waffenproduktionsstätten wie in Dessau, Dresden und Magdeburg beschleunigten den Anfang vom Ende des Zweiten Weltkriegs und die Zerstörung des faschistischen Hitlerregimes.

Den 70. Jahrestag der Bombardierung Magdeburgs werden die Nazis vermutlich zum Anlass nehmen, die Aufmärsche der letzten Jahre organisatorisch und personell zu überbieten. Angefangen mit acht Nazis als Teilnehmer an der städtischen Gedenkkundgebung im Jahr 1998, steigerte sich die Zahl der Teilnehmenden am Januar-Aufmarsch in den vergangenen Jahren auf über 1.000. Seit 2001 marschieren die Nazis rund um den 16. Januar durch Magdeburg. Im Jahr 2005 ist es erst- und letztmalig gelungen, den Aufmarsch zu stoppen.

Neofaschisten aus Magdeburg und Sachsen-Anhalt nehmen wichtige Positionen in den Vorständen der NPD, der JN und den sogenannten „freien Kameradschaften” ein. Mit der Gründung eines Kreisverbands der Neonazi-Partei „Die Rechte“ im Jerichower Land soll offensichtlich versucht werden, die geschwächten Strukturen der Neonazis in der Region zu stärken. Im Schutz der Partei können die Faschisten ihre nationalistischen Ideologien verbreiten und auf diesem Weg formal legal agieren. Außerdem ist damit zu rechnen, dass sich die Partei in Sachsen-Anhalt weiter vergrößern wird, da Neonazis in Magdeburg ebenfalls einen eigenen Ortsverband anstreben.

Das Bündnis „Magdeburg Nazifrei“ hat sich am 31.05.2012 in Magdeburg gegründet. Als Spektren übergreifendes Blockadebündnis in Magdeburg organisiert es Blockaden gegen den Aufmarsch der Nazis. Im Januar 2015 werden die notwendigen Strukturen für Aktionen gestellt. Mit unserem Engagement und eurer Unterstützung wurde in den Vorjahren die Protestkultur in Magdeburg nachhaltig verändert. Blockaden als Aktionsform sind bei Protestaktiven kein absolutes NoGo mehr. Nach den ersten Blockadeversuchen im Januar 2013 mussten wir erkennen, dass es in Magdeburg einer anderen Strategie bedarf. 2014 setzten wir dann auf ein dezentrales Vorgehen und verbuchten damit erste Teilerfolge. Wir halten an dieser Strategie fest und werden sie weiter ausbauen.

Die Desinformationspolitik und die durch Polizei und Deutsche Bahn unterstütze Mobilität der Neonazis erfordern auch im Januar 2015 eine bundesweite Mobilisierung, um genug Menschen in Magdeburg auf die Straßen zu bringen. Der politische Wille, diesen Aufmarsch stattfinden zu lassen konnte bisher nicht gebrochen werden. Daher ist damit zu rechnen, dass die Nazis von einem zum anderen Ende der Stadt verfrachtet werden, um dort zu marschieren, wo sie kaum blockiert werden können. Die Magdeburger Stadtverwaltung kann nach eigenen Aussagen nichts gegen den Naziaufmarsch tun. Die zuständige Versammlungsbehörde sei in Sachsen-Anhalt die Polizei. Dass der Oberbürgermeister der Landeshauptstadt Ignoranz für eine Strategie gegen Naziaufmärsche hält, bestätigte er auf einer öffentlichen Veranstaltung an der Universität in Magdeburg: „[…] Das ist ja eigentlich das Ziel. Sie wollen mit dem was sie machen in die Öffentlichkeit und die Öffentlichkeit wird durch Medien weiter gegeben. Wenn darüber keiner berichten würde, was ich mir in den ersten zwei Jahre mal gedacht habe, man ignoriert das einfach und keiner berichtet drüber, läuft sich das tot. Das funktioniert aber leider nicht, weil immer irgendjemand darüber berichtet.”

Im letzten Jahr konnte mit dezentralen Protesten der Aufmarsch gespalten und zeitlich um einige Stunden nach hinten verschoben werden, da die Anreisewege der Nazis zeitweilig blockiert werden konnten.

Unterstützt uns und kommt nach Magdeburg. Wir wollen, gemeinsam mit allen Kräften von hier und überall, den Aufmarsch der Neonazis verhindern und damit ein eigenes Statement gegen menschenverachtende Einstellungen und neonazistische Politik setzen.

”17. Januar 2015 – Blockieren statt ignorieren!”