von Christian Hinrichs (LAK AntiRa)

Unter dem Titel „Recht(sextrem)e Lebenswelten“ hat der LAK AntiRa in der ca. 20.000 Einwohner*innen zählenden Stadt Northeim ein Seminar angeboten. Der Titel gab auch das Rahmenprogramm für die Workshops & Vorträge vor: Unter rechten Lebenswelt(en) werden „vorpolitische“ Räume verstanden, in denen sich Einstellungsmuster zu noch keinem ganzheitlichen politischen Weltbild verfestigt haben. In diesem Sinne können vorpolitische Räume als „Foyer“ zu geschlossenen politischen Weltbildern betrachtet werden; politische Inhalte werden hier selten direkt, zumeist subversiv, erlebnisorientiert (bspw. über Musik) und identitätsstiftend vermittelt. Merkmale dieser vorpolitischen Räume sind u.a. ein ausgeprägtes Freund-Feind-Denken, Größenwahn bzw. Selbstüberschätzung der eigenen (politischen) Rolle/strongedeutung, Verfolgungswahn bzw. Überzeichnung einer angeblichen Opferrolle (bspw. „Fremd im eigenen Land“) und nicht zuletzt die Konstruktion von Bezugspunkten kollektiver Identität (bspw. „Lokalpatriotismus“).
In zwei dieser Lebenswelten haben wir auf dem Seminar eingetaucht – den ländlichen Regionen und der Spaß- und Erlebniswelt des Musikbereichs.

Historie: Von den Böhsen Onkelz bis zu Frei.Wild

Frank Metzger vom antifaschistischen pressearchiv und bildungszentrum berlin e.v. (apabiz) führte unter dem Titel „Frei.Wild – keine Band, wie jede andere auch“ uns in das Thema mit einem historischen Blick auf eine weitere prominente Band, deren Nachfolge Frei.Wild vor einigen Jahren angetreten hat: die Böhsen Onkelz.
Zum Einstieg wurde ausführlich auf die Gemeinsamkeiten im Auftreten von den Onkelz und Frei.Wild eingegangen: Die Pflege des Image als Underdogs und des „Rebellen-Mythos“, dabei jedoch betont darauf bedacht sich – vor allem im Abgrenzung zur eigenen extrem rechten (Band-)Geschichte – möglichst „unpolitisch“ zu verhalten bzw. „jeden Extremismus“ gleichermaßen verbal zu verurteilen. Der kommerzielle Erfolg im Mainstream beider Bands ist nicht zuletzt damit zu erklären, dass sich schlicht gut verkauft, was mit dem Label des Verbotenen versehen ist.

Hitlergruß im Publikum ist schlecht für das Geschäft

Die Böhsen Onkelz haben einen Wandlungsprozess durchgemacht: Waren sie in ihrer Anfangszeit noch als eine dezidiert Nazi- bzw. Rechtsrock-Band einzuordnen, so haben sie sich im laufe der Zeit und des zunehmenden Erfolgs von ihrer eigenen Vergangenheit distanziert und sich ebenfalls bei Festivals und Kampagnen gegen Rechts engagiert. Nach wie vor wirkt aber die inhaltliche Stumpfheit und die Gewaltaffinität der Onkelz-Musik. Ein weiteres Phänomen waren die Anfang der 2000er Jahre weit verbreiteten „Böhse Onkelz – Partys“, die von Fans bzw. Fanvereinigungen der Band organisiert wurden und insbesondere im ländlichen Regionen auch bei Nazis großen Anklang fanden.

Stolz auf Südtirol: Frei.Wild

Eine wichtige Bedeutung in der Außendarstellung der Band nimmt der Liedsänger Philipp Burger ein. Er kommt aus dem deutschsprachigen Teil Südtirols. Vor seiner Karriere mit Frei.Wild gehörte Burger dem Umfeld von Südtiroler Nazi-Skins an und machte mit der Rechtsrock-Band „Kaiser Jäger“ erste Erfahrungen mit Musik. Für die Nazis ist die „Südtirolfrage“ von großer Bedeutung. Die Forderung der Autonomie des deutschsprachigen Südtirols von Italien ist für die Szene deshalb so wichtig, weil für sie das „Deutsche“ bzw. das „Deutschtum“ größer sei als es die jetzigen Grenzen in Europa markieren.
Öffentlich publik wurde die Nazivergangenheit Burgers relativ spät im Jahre 2008 als ein Auftritt der Band bei der Freiheitlichen Rocknacht in Südtirol bekannt wurde und für Kritik sorgte. Dieses Festival war eine Veranstaltung der Partei „Die Freiheitlichen“. Die Partei, in der Burger selbst zeitweise aktiv war, vertritt nationalistische und rassistische Anti-Einwanderungspositionen und ist der österreichischen FPÖ sehr ähnlich. Trotz der Absage des Auftritts und öffentlichen Distanzierung von „Die Freiheitlichen“ kündigte das Plattenlabel Verträge mit der Band und auch andere Geschäftspartner_innen gingen auf Distanz. Aus eigener Kraft schaffte es die Band, ein eigenes Label zu schaffen, Vertriebsstrukturen aufzubauen und sich damit vom „Musikbusiness“ weitgehend unabhängig zu machen. Erstaunlich war bei diesem Geschehen zudem die große „Solidaritätswelle“ der Fans, die dieses Vorhaben erst möglich gemacht hat.
Auf die inhaltliche Kritik an der Band hingegen gab es keinerlei Reaktion. Ganz nach dem Motto: „Wer frei von Sünde ist, werfe den ersten Stein.“ Die raffinierte Kommunikationsstrategie der Band wirkt: Sie stellen sich als Opfer der „Meinungsmache“ von Presse und Öffentlichkeit dar, um nicht in die inhaltliche Auseinandersetzung zu den nationalistisch-völkischen und zum Teil antisemitischen Inhalten ihrer Texte einsteigen zu müssen. Sie profitieren davon, dass sie viele dieser Inhalte lediglich andeuten, ohne sie klar zu benennen. Der Mainstreamerfolg der Band ist mittlerweile beachtlich.

Man kennt sich“ – Rechtsextremismus und ländliche Räume

Bereits am Freitagabend gaben Mitglieder der GRÜNEN JUGEND Northeim einen Einblick in die Nazi-Szene von Südniedersachsen. Am Samstagnachmittag baute Achim Bröhenhorst von der AG Rechtsextremismus des Landespräventionsrates Niedersachsen darauf auf und vermittelte in seinem Vortrag Hintergründe zum Phänomen des Rechtsextremismus in ländlichen Regionen.
In ländlichen Gegenden herrsche ein besonders hoher Konformitätsdruck und zudem seien angesehene „Meinungsmacher“ in kleinen Kommunen besonders wirkungsmächtig. Hohe Identifikation mit dem Ort, das Leben in einer kleinen und überschaubaren „Gemeinschaft“ und die generell höhere Bereitschaft sich für diese kleinteiligen Sozialräume durch bspw. bürgerschaftliches Engagement zu engagieren sind weitere Merkmale des Ländlichen Raums.
Auf der anderen Seite hat der ländliche Raum strukturelle Probleme: Mangelhafte Infrastruktur, der Rückzug demokratischer Institutionen, fehlende Angebote in den Bereichen Freizeit, Kultur und Bildung, das hohe Maß sozialer Kontrolle und die Schwierigkeit, sich gegen den Mainstream zu stellen. In diese Lücken stoßen extrem rechte „Kümmerer“. Dadurch, dass sich in diesen Ortschaften jede*r jede*n kennt, werden diese Personen nicht mehr als politische Akteure wahrgenommen. Es setzt ein Normalisierungsprozess: Der NPD-Funktionär wird nur noch als Freund, Nachbar und/oder Vereinskollege wahrgenommen.
Bei der anschließenden Diskussion über Handlungsmöglichkeiten wurde jedoch immer wieder betont, das Phänomen „Rechtsextemismus und Menschenfeindlichkeit“ keinesfalls nur als Problem der Jugend oder der ländlichen Regionen wahrzunehmen. Vielmehr ist der Kampf gegen Rechts als einen dauerhaften Prozess in der Gesamtgesellschaft zu begreifen, weil vor diesem Syndrom keine einzige Sphäre der Gesellschaft immun ist.