Beschluss der Landesmitgliederversammlung der GJN (23.10.2005)

Alle Macht allen Menschen! Von Rabenvätern, Professorinnen und anderen Leuten…

Präambel

Es ist eine der wichtigsten Aufgaben im 21. Jahrhundert, die Chancen von Frauen in Beruf und in der Gesellschaft zu verbessern und die Gleichstellung aller Geschlechter zu erreichen. Die Rollenverteilung zwischen Frauen und Männern hat sich stark gewandelt. Heutzutage machen Frauen 55 % der AbiturientInnen aus und auch die Hälfte aller StudentInnen ist weiblich. Dennoch bekommen Frauen auch heute noch weniger Lohn als Männer für die gleiche Arbeit. Ebenso sind in der Wirtschaft nur ca. 11 % der führenden Positionen an Frauen vergeben. Die Wahl der Berufe ist immer noch von den klassischen Rollenbildern geprägt. Und auch in der Politik haben Frauen noch weniger zu sagen als Männer. Zwar hindert niemand mehr eine Frau daran, in die Politik zu gehen, aber Frauen werden immer noch nicht genug gefördert und motiviert. Wir fordern, dass die Politik endlich handelt, und dass Männer und Frauen endlich in allen Bereichen gleichberechtigt behandelt werden und vertreten sind. Dieser Antrag weist jedoch ein Defizit auf, da es sehr viele verschiedene Arten von Frauen gibt und wir leider nicht auf alle eingehen können.

Stereotype? – Nichts für uns!

Bereits im Kindergarten wird Mädchen und Jungen beigebracht, wie sie sich zu benehmen haben – ihrem Geschlecht gemäß! Dagegen muss schleunigst etwas unternommen werden. Deshalb fordert die GRÜNE JUGEND NIEDERSACHSEN (GJN), dass ErzieherInnen und LehrerInnen in ihrer Ausbildung für dieses Thema sensibilisiert werden sollen. Sie müssen lernen, Kinder und Jugendliche als das zu behandeln, was sie sind, nämlich Individuen. ErzieherInnen und LehrerInnen sind in der Pflicht, alle Kinder gemäß ihrer Natur zu erziehen und ihnen zu helfen, ihre Fähigkeiten frei zu entfalten. Damit dies vollständig durchgesetzt werden kann, liegt es nun auch in der Verantwortung der Religionen, Frauen auch religiös mit den gleichen Rechten auszustatten, wie Männer. Es gibt keine Begründung, weshalb eine Frau nicht dazu qualifiziert sein sollte, Pfarrerin, Imamin oder sogar Päpstin zu werden. Es ist auch im Interesse der Religionen, Frauen die gleiche Teilhabe zukommen zu lassen, wie Männern, da sie in der Lage sind, Dinge anders zu betrachten. Jegliche Form von geschlechtsspezifischer Diskriminierung und Gewalt lehnt die GJN ab. Zwangsverheiratung, Beschneidung, Verfolgung, Ehrenmorde und andere Gewalttaten, die oftmals mit Religion begründet werden, gehören weltweit verboten und geahndet. Auch die Medien haben in diesem Sinne eine große Verantwortung zu tragen. Was mensch täglich sieht, das glaubt mensch auch. Deshalb misst die GJN den Medien eine große Bedeutung bei. Es ist wichtig, von den veralteten Geschlechterstereotypen (Frau = Mutter, Mann = Ernährer), die heutzutage leider immer noch in den Medien zuhauf vorkommen, loszulassen und zu versuchen, ein aufgeklärtes und individuelles Menschenbild zu vermitteln. Zudem ist es wichtig, sexistische Werbung und solche Filme, die bereits nachmittags laufen, zu verbieten. Sie sind diskriminierend und präsentieren der Gesellschaft ein falsches Rollenbild. Die Menschheit in zwei Geschlechter aufzuteilen, ist eine Rechnung, die nie aufgegangen ist, da es sowohl psychisch als auch physisch gesehen mehr, als nur zwei Geschlechter gibt. Daher ist es unbedingt nötig, die Möglichkeit zu schaffen, dass jedeR ihr/sein Geschlecht selbst bestimmen darf und mensch somit nicht nur die Wahl hat zwischen „männlich“ und „weiblich“, sondern auch die Möglichkeit besteht, sich unter „andere“ einzutragen. Da jedeR das Recht haben soll, dies wirklich tun zu können, soll es auch verboten werden, als Hermaphrodit geborene Kinder zu nur einem Geschlecht umzuoperieren, bis sie alt genug sind, ihr Geschlecht selbst zu entscheiden. Die Förderung einzelner Lebensmodelle wie der Ehe ist eine Bevorteilung des Teiles der Gesellschaft, der genau so leben möchte. Dies ist ungerecht. Deshalb fordert die GJN die Erhaltung des Begriffes der religiösen Ehe und dass alle Lebensgemeinschaften beliebig in Geschlecht und sexueller Neigung ab Volljährigkeit rechtlich gleich behandelt werden“. Hierbei sollten Geschlecht und Anzahl der unter einer solchen „Lebensgemeinschaft“ zusammengefassten Menschen nicht von Belang sein. Und deshalb fordert die GJN:

Die Abschaffung des Ehegatten-Splittings, da es einseitige Abhängigkeit schafft, Die Abschaffung der Zweigeschlechtlichkeit und Anerkennung anderer psychischer und physischer Geschlechter, Die Erhaltung des Begriffes der religiösen Ehe und für alle Lebensgemeinschaften beliebig in Geschlecht und sexueller Neigung ab Volljährigkeit die gleichen rechtlichen Voraussetzungen. Den Abbau der zweigeschlechtlichen Rollenbilder in den neuen Medien, Die Abschaffung von sexistischer Werbung, dass alle Religionen alle Ämter gleichberechtigt vergeben sollen, dass ErzieherInnen und LehrerInnen in ihrer Ausbildung für das Thema Sexismus und gleichberechtigte Erziehung sensibilisiert werden müssen. Eine Rechtschreibreform, die das Konzept der geschlechtergerechten Sprache in der deutschen Sprache festschreibt. Dass bei der Grünen Jugend und Bündnis 90/Die Grünen Verlautbarungen, wie Pressemitteilungen oder Anträge, geschlechtergerecht verfasst werden.

Frauen? – An die Arbeit!

Noch immer müssen Frauen mit weniger Lohn auskommen als Männer. Prozentual macht dieser Unterschied bis zu 21 Prozent aus. Dieser gesellschaftliche Status der Frauen in der freien Wirtschaft ist nicht hinnehmbar. Die deutsche Volkswirtschaft kann langfristig nicht auf das enorme Potenzial verzichten, dass ihr die Gleichberechtigung aller Menschen bietet. Frauen haben prozentual einen höheren Bildungsabschluss, sind jedoch im späteren Berufsleben benachteiligt. Die GJN fordert eine Angleichung des Lohnes von Frauen und Männern bei gleicher Arbeitsbelastung. Wir fordern ebenfalls eine Gleichstellung von körperlicher Arbeit und psycho-sozialen Belastungen via Lohnerhöhung. Diese Gleichstellung ermöglicht es, den ArbeitnehmerInnen im low-salary Bereich, gesellschaftlich besser akzeptiert zu werden. Wir begrüßen das Antidiskriminierungsgesetz, welches eine Verbesserung für Frauen auf dem Arbeitsmarkt darstellt. Diese Regelungen gehen der GJN allerdings nicht weit genug. Wir fordern, dass bei der Vergabe von Staatsaufträgen diejenigen Unternehmen zu bevorzugen sind, die bei gleichen Vorraussetzungen eine bessere Frauenförderung bieten. Dieses Verfahren soll sich an den „affirmative action“ -Gesetzen orientieren, die unter den Präsidenten Kennedy und Johnson in den USA verfasst wurden. Unternehmen, die sich für Staatsaufträge bewarben, mussten einen Zeitplan verfassen, wie sie sich eine aktivere Frauen- und Minderheitenförderung für ihren Betrieb vorstellen. Gleichzeitig fordern wir eineN GleichstellungsbeauftragteN für jeden größeren Betrieb. Diese Stelle soll sich an den MitarbeiterInnenzahlen orientieren. Bei unter 100 MitarbeiterInnen wird einE BeauftrageR ernannt, jedoch wird diese Stelle weder Voll- oder Teilzeit besetzt. Wenn die MitarbeiterInnenzahl über 100 liegt, wird eine Teilzeitstelle geschaffen. Übersteigt die Anzahl die Marke von 500, soll es eine Vollzeitstelle geben. Der/Die Gleichstellungsbeauftragte wird den Betriebsräten rechtlich gleichgestellt, um seine/ihre Unabhängigkeit zu garantieren, und für zwei Jahre von allen Angestellten eines Betriebes gewählt. Das Amt des/der Gleichstellungsbeauftragten ist auf zwei Amtsperioden begrenzt. Aber um wirklich alle Kompetenzen für Deutschland zu nutzten, werden immer häufiger auch Frauen in so genannten Männerberufen gebraucht. 56,7 Prozent aller AbiturientInnen sind weiblich, im Gegenzug dazu sind aber nur 11 Prozent Frauen in den Führungsetagen der Wirtschaft. Damit bildet Deutschland im Vergleich mit den europäischen Nachbarstaaten das Schlusslicht. Auch im Handwerk sieht es nicht besser aus: nur eine Minderheit von 14,4% der MeisterInnen, die 2002 den Abschluss erlangten, war weiblich. Hier muss es eine klare Wende geben, und nicht nur durch politische Reglungen, wie die Einführung einer Frauenquote in allen Aufsichtsräten, sondern auch dadurch, dass ein neues Bewusstsein wird. Denn eine Frauenquote ist nur da nötig, wo es noch nicht geschafft wurde, die Geschlechterrollen zu überwinden. Dies kann durch eine frühkindliche geschlechtsneutrale Erziehung in und außerhalb des Elternhauses geschehen. Um dies zu gewährleisten und alleinerziehenden Müttern und Vätern die Möglichkeit zu geben, Beruf und Erziehung zu vereinen, ist es wichtig die Kindertagesstätten auszubauen. Zudem setzt sich die GJN dafür ein, dass die Schulen dazu verpflichtet werden, ab der achten Klasse, jedes Schuljahr eine mindestens zweiwöchige Praktikumszeit einzurichten. Hier sollen beide Geschlechter motiviert werden, auch in „untypische“ Berufe zu schnuppern. Die GJN begrüßt ausdrücklich den Girls-Day, an dem Mädchen und junge Frauen die Arbeitsplätze von PolitikerInnen, IngenieurInnen, MathematikerInnen, NaturwissenschaftlerInnen oder TechnikerInnen kennen lernen. Ziel ist es, sie zu motivieren sich für „frauenuntypische“ Berufsfelder zu entscheiden. Wir sehen aber auch, dass es Zeit ist, einen Boys-Day einzurichten. Wir erachten es als wichtig, auch den Jungen und jungen Männern ihr ganzes Potential vor Augen zuführen – mit Besuchen in sozialen Einrichtungen (z. B. Pflegeheim, Kindergarten) oder eher Frauen zugeschriebenen Berufsfeldern (z.B. TierarzthelferIn). Daher wird es Zeit für einen gedanklichen Richtungswechsel, nach dem Frauen und Männer auch in geschlechteruntypischen Berufen gesellschaftlich anerkannt werden. Demnach fordert die GJN:

Die Angleichung des Lohnes von Frauen und Männern bei gleichwertiger Arbeit. Die Gleichstellung von körperlicher Arbeit und psycho-sozialen Belastungen via Lohnerhöhung, Die Bevorzugung von Unternehmen, die eine bessere Frauenförderung vorweisen, bei der Vergabe von Staatsaufträgen, Die Einführung einer/eines Gleichstellungsbeauftragten für jeden größeren Betrieb, Den Ausbau der Kinderbetreuung, Eine neutrale Erziehung von Kindergarten bis Schule, Die Einführung einer Frauen-Quote von 50 % in allen Aufsichtsräten börsennotierter Unternehmen, wie es in Norwegen bereits Praktiziert wird. Gezielte Förderung von Praktika in frauen- / männer- untypischen Berufen, Die Einführung zweiwöchiger Praktika ab der achten Klasse für jedes Schuljahr. Die Einführung eines Boys-day, der Jungen ermöglicht in „frauentypische“ Berufe zu schnuppern.

Hartz IV frauengerecht machen!

Die GJN begrüßt den Kernbestandteil der Hartz-IV-Reformen, die Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe. SozialhilfeempfängerInnen werden durch den Zugang zum Arbeitsmarkt besser gestellt. Jedoch zeigt die genauere Betrachtung, dass die Hartz-IV-Reformen einer emanzipatorischen Politik widersprechen. Wir kritisieren die hohe Anrechnung des PartnerInneneinkommens bei einer Bedarfsgemeinschaft. Betroffen sind vorwiegend Frauen in den neuen Bundesländern. Zudem muss das Abhängigkeisverhältnis beachtet werden, in das die Frau bei einer solchen Berechnung abrutschen kann. Hinzu kommt, dass durch das Wegfallen der ALG II-Bezüge diese Menschen aus dem Blickfeld der Jobcenter geraten, da diese das Interesse an Vermittlung und Fördermaßnahmen verlieren. Wir fordern aus diesem Grund die Länder auf, kurzfristig Geld für die Vermittlung von „NichtleistungsbezieherInnen“ aufzubringen.

Frauen in die Politik!

„Frauen in der Politik“ ist in den letzten Jahren ein Großes Thema gewesen und ist es bis heute noch. Mit der am 15.11.1994 in Kraft getretenen Verfassungsreform wurde Art. 3, Abs. 2 GG – „Männer und Frauen sind gleichberechtigt“ – durch folgenden Satz ergänzt: „Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.“ Diese Änderung im GG zeigt die Bedeutsamkeit dieses Themas für die Parteien, für alle Parteien. Daher befürwortet die GJN die immer noch umstrittene Frauen-Quote in der Partei Bündnis 90/ Die Grünen und appelliert gleichzeitig, Gleichberechtigung in und außerhalb der Politik höher zu bewerten.

In dem neu gewählten 16. Bundestag sind weniger Frauen vertreten als im Vorigen. Der Frauenanteil bei den Abgeordneten beträgt in der 16. Legislaturperiode 31,8 Prozent (da ist noch nicht die Nachwahl in Dresden mit einberechnet), im 15. deutschen Bundestag betrug er noch 32,3 Prozent. Damit hat der politische Gipfelsturm der Frauen erstmals seit 1972 einen Dämpfer bekommen. Dies muss eine Ausnahme bleiben. Daher muss mit politischen Regelungen gegengesteuert werden, unter anderem mit Quoten. Diese Quoten sollen jedoch nicht das Ziel unserer Politik sein, sondern nur der Weg, der uns zum Ziel der Gleichberechtigung aller Geschlechter führt. Zudem ist es mehr als überfällig, den politischen Apparat den Gegebenheiten an zu passen. Eine gute Maßnahme wäre es, in diesem Rahmen ein Bundesministerium für Gleichberechtigung einzurichten. Seine Aufgaben sollen sein, alle deutschen Gesetze – auch die der Länder – auf Gleichberechtigung zu untersuchen und auftretende Ungleichheiten zu bereinigen, ebenso wie die Neue Gestaltung von Programmen zur Förderung der Gleichberechtigung.

  1. Die GRÜNE JUGEND NIEDERSACHSEN fordert die Einführung einer Quote von 50 % Frauen auf allen Landeslisten von allen Parteien, die sich zu Bundestagswahlen aufstellen, ebenso für alle Landtagslisten.
  2. Die sofortige Einführung eines Bundesministeriums für Gleichberechtigung, zur Überprüfung jeglicher Handlungen im Bereich Gleichberechtigung von Frau und Mann.
  3. Zudem eine stärkere Förderung von Gendermaßnahmen in allen Bereichen.

Männer an alle Fronten!

Die Rolle des Mannes wurde in der Vergangenheit kaum hinterfragt. Neuerdings wird jedoch ihre Veränderung vor allem von der Gleichberechtigungsbewegung eingefordert. Geschlechterdemokratie als strategischer Ansatz von Geschlechterpolitik sieht sogar ein stärkeres Engagement von Männern bei einer egalitären Ausgestaltung der Geschlechterverhältnisse vor – ein Grund zu fragen, wie weit die „Männer-Bewegung“ in der Bundesrepublik Deutschland ist. Männer können auch viele positive Erfahrungen dadurch machen, Frauen bei der Erziehungsarbeit mehr entgegenzukommen. Zum Beispiel dadurch, dass Väter auch eine Zeit lang Vaterschaftsurlaub machen, erleichtern sie ihren Frauen einen schnelleren Widereinstieg in den Beruf und schaffen sich selber eine viel stärkere Bindung zum Kind. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie darf kein reines Frauenproblem mehr bleiben. Hierzu sollten sich auch Männer Gedanken machen und darauf achten, Entscheidungen, die auch das Leben ihrer Partnerinnen betreffen, mit jenen zusammen zu besprechen und versuchen, mit ihnen zu einem für beide befriedigenden Ergebnis zu kommen. Daher fordert die GJN: Dass die Förderung der Gleichberechtigung und der Frauen auch als Chance für Männer betrachtet werden sollte, Dass auch Männer sich mit dem Problem der Vereinbarkeit von Familie und Beruf beschäftigen sollen.